
Sie gelten als Symbol für das radikale Element des Thrash Metal, als kompromißlose Wegbereiter und Botschafter der ultimativen Härte. Nun treten Slayer an, um ihr kreatives Immunsystem gegen Trends, blasse Imitate und mögliche Stagnations-Viren entscheidend zu stärken. Diabolus In Musica heißt jenes neue Album, das bewährte Tugenden der US-Pioniere in einem zeitgemäß modifizierten Outfit präsentiert.
Dieses Album scheint eine einzige Botschaft herauszubrüllen: Vergeßt all jene Leute, die Slayer abschreiben wollen. Vergeßt alle ketzerischen Gedanken, die sich um eine mögliche Verweichlichung dieses Sounds gedreht haben. Vergeßt diverse Wellenreiter und aalglatte Absahner, alle Propheten des Gleichklangs und blasse Zeitgeistkopien. Diabolus In Musica ist das klare Statement einer Band, die auch 1998 für ungemein aggressive Musik steht, für jene ungezügelte Energie des Thrash Metal.
Extreme Klänge in ihrer pursten Form, ans Limit gepeitscht durch eine gut gelöste Riffmaschinerie, lichtschnelles Drumming, klaustrophobische Atmosphäre sowie wutschnaubende Vocals, die sämtlichen Frohsinn dieser Welt wie ein heißes Glas unter eiskaltem Wasser zerplatzen lassen. Seit ihrem Debüt namens Show No Mercy im Jahre 1983 sind sie zu Ikonen des künstlerischen Auslotens von Grenzen avanciert, ihre Bilanz verzeichnet Klassiker wie Reign In Blood, Hell Awaits oder Seasons In The Abyss, klassische Monumente derber Musik. Jetzt haben die Amerikaner einen wichtigen Schritt vollzogen: Dogmatisches Festhalten an konservativen Werten bzw. stures Reproduzieren ohne Rücksicht auf qualitative Verluste ist hier kein Thema, vielmehr haben Slayer ihre musikalische Architektur zeitgemäß renoviert. Zwölf Tracks unterstreichen den Willen, dem Schicksal von Dinosauriern zu entgehen.
Das neue Werk verzichtet nämlich auf kein charakteristisches Element, transportiert jedoch frischen Wind: Mit ungewohnt ausgeprägtem Groove wird ans Werk gegangen, Dauer-Highspeed ist nicht mehr der allein seligmachende Stein der Weisen. Rhythmische Flexibilität, wie sie in Stain Of Mind zu finden ist, verleiht der Musik vielmehr ein offenes, variables Feeling. Dazu schimmern latente Hardcore-Einflüsse durch das engmaschige Netz höchst präziser Teamarbeit, manche Riffs erinnern vom Sound an den bleischweren Drive des New Thrash. Eine positive Entwicklung, mit der Tom Araya, Kerry King, Jeff Hanneman und der nach einem Soloausflug wieder heimgekehrte Paul Bostaph jenem Geruch der Stagnation entkommen, der das zwiespältig aufgenommene 94er-Opus Divine Intervention umgeben hatte. Es schien so, als ob Slayer mit diesem uninspirierten, orientierungslos wirkenden Material in der kreativen Sackgasse gelandet wären. Was vier Jahre später Schall und Rauch ist, die Pioniere der extremen Härte haben den Ideentank wieder aufgefüllt, ohne ihre Identität auch nur eine Sekunde zu verleugnen. Ein direkter Draht glüht zwischen traditionellem Erbe und neuen Zukunftsperspektiven, ein Draht, in dem massivste Energie pulsiert.
Text Interview: Christian Prenger
Text Internet: Christian Prenger

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